Die Soziokratie bietet ein Governance-Modell, das weder auf Hierarchie noch auf Konsens setzt, sondern auf dem Konsent-Prinzip basiert. Eine Entscheidung gilt, wenn niemand einen schwerwiegenden Einwand hat — das heisst, wenn niemand sieht, dass die vorgeschlagene Lösung der Organisation schaden wuerde. Das ist etwas fundamental anderes als Konsens, bei dem alle zustimmen müssen, und auch anders als Mehrheitsentscheid, bei dem die Minderheit ueberstimmt wird. Konsent ermöglicht Entscheidungsgeschwindigkeit bei gleichzeitiger Einbindung aller Betroffenen.
Gerard Endenburg entwickelte die Sociocratic Circle Method in den 1970er Jahren auf Basis kybernetischer Prinzipien. Organisationen werden in Kreisen organisiert, die durch doppelte Verlinkung verbunden sind: Jeweils zwei Personen gehoeren sowohl dem uebergeordneten als auch dem untergeordneten Kreis an. Dieser Mechanismus sichert den Informationsfluss zwischen den Ebenen, ohne klassische Top-down-Berichtswege. Rollen werden per Konsent gewaehlt, nicht per Ernennung.
In der Praxis erfordert Soziokratie Uebung. Die Unterscheidung zwischen einem persoenlichen Unbehagen und einem schwerwiegenden Einwand faellt vielen Teams anfangs schwer. Auch die doppelte Verlinkung braucht Zeit, um zu funktionieren. Die Soziokratie 3.0 hat das Modell weiterentwickelt und modularisiert, sodass einzelne Praktiken auch ohne vollständige Einführung nutzbar sind. Für Organisationen, die ihre Entscheidungsprozesse demokratisieren wollen, ohne in Endlosdiskussionen zu enden, ist der Konsent-Ansatz ein wirkungsvoller Ausgangspunkt.