Prozessberatung nach Edgar Schein unterscheidet sich grundlegend von der klassischen Expertenberatung. Der Berater bringt keine fertigen Lösungen mit, sondern befähigt den Klienten, seine Probleme selbst zu diagnostizieren und zu loesen. Die Grundannahme: Der Klient kennt sein System besser als jeder Externe. Was ihm fehlt, ist nicht Fachwissen, sondern ein Prozess, um die richtigen Fragen zu stellen, blinde Flecken zu erkennen und wirksame Maßnahmen abzuleiten.
Schein beschreibt drei Beratungsmodelle: Expertenberatung (der Berater liefert die Antwort), Arzt-Patient-Modell (der Berater diagnostiziert und verschreibt) und Prozessberatung (der Berater gestaltet den Prozess der Problemlösung). Nur die Prozessberatung führt dazu, dass der Klient langfristig die Fähigkeit entwickelt, ähnliche Probleme künftig eigenständig zu bearbeiten. Die anderen Modelle erzeugen Abhängigkeit vom Berater.
In der Praxis erfordert Prozessberatung vom Berater Zurückhaltung und eine hohe Toleranz für Mehrdeutigkeit. Die Versuchung, doch schnell eine Lösung anzubieten, ist gross — besonders wenn der Klient genau das erwartet. Gleichzeitig setzt der Ansatz voraus, dass der Klient bereit und in der Lage ist, Verantwortung für die Problemlösung zu uebernehmen. Wo diese Bereitschaft fehlt oder wo tatsaechlich externes Fachwissen benötigt wird, stoesst die reine Prozessberatung an ihre Grenzen.