Eine Kultur- und Strukturanalyse untersucht die formale Organisation und die gelebte Realität als zwei Seiten derselben Medaille. Die formale Seite umfasst Organigramme, Prozessbeschreibungen, Entscheidungsregeln und Stellenprofile. Die kulturelle Seite umfasst ungeschriebene Regeln, Machtdynamiken, Kommunikationsmuster und geteilte Überzeugungen darueber, wie Dinge wirklich laufen. Edgar Schein zeigte, dass Kultur auf drei Ebenen operiert: sichtbare Artefakte, bekundete Werte und unbewusste Grundannahmen. Nur wer alle drei Ebenen betrachtet, versteht, warum eine Organisation so funktioniert, wie sie funktioniert.
Die zentrale Erkenntnis: Kultur und Struktur bedingen sich gegenseitig. Eine Matrixstruktur erzeugt andere kulturelle Muster als eine strenge Linienhierarchie. Umgekehrt bestimmt die Kultur, ob eine neue Struktur gelebt wird oder nur auf dem Papier existiert. Wer eine Organisation verändern will und nur an einer der beiden Seiten arbeitet, wird scheitern. Strukturveränderungen ohne kulturelle Begleitung erzeugen Widerstand. Kulturinitiativen ohne strukturelle Verankerung verpuffen.
In der Praxis bildet die Kultur- und Strukturanalyse den Ausgangspunkt für jede größere Veränderung. Sie beantwortet die Frage, wo die Organisation tatsaechlich steht — nicht wo sie laut offiziellen Dokumenten stehen sollte. Die Differenz zwischen beiden Bildern ist der interessanteste Befund und gleichzeitig der wirksamste Hebel für Veränderung.